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Drei Jahre Durststrecke?

Jahrgang: 
2010
Heftnummer: 
1-2

Die Rückkehr der Intralogistik auf die Erfolgsspur lässt noch auf sich warten. Die Konkurrenz ist härter, der Umgangston rauer geworden und Übernahmen sind nicht ausgeschlossen.
 

Drei Jahre DurststreckeFast alle waren sie wieder in die Schweizer Bergidylle gekommen. Das Weltwirtschaftsforum in Davos lockte die Chefs der Global Player an. Das beherrschende Thema im Plenum und am Kamin war, wie kann es anders sein, die Weltwirtschaftskrise. Die Hüttengaudi fiel dieses Jahr aus. Sie wich der Ungewissheit. Die einen sprachen vom Ende der Krise, andere, wie BASF-Chef Jürgen Hambrecht, wittern weiterhin Gefahren.  

Die Schweizer Alpen sind auf den ersten Blick weit weg von den Sorgen der mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauer. Fürs Ski fahren und zum Diskutieren haben diese keine Zeit. Sie kämpfen um jeden Auftrag. Was dort in Graubünden aber gesagt, getan und von den Lenkern versprochen wurde, registrierte die Welt aufmerksam. Denn die Psychologie hat einen entscheidenden Anteil am Wirtschaftsgeschehen. Verunsicherte Verbraucher kann sich niemand leisten. 

Positives Denken hin oder her. Den Glauben an eine schnelle Erholung der Intralogistik hat Christoph Hahn-Woernle nicht. „Das Niveau des Spitzenjahres 2008 werden wir frühestens 2013 wieder erreichen“, erklärt der umtriebige Stuttgarter, Sprecher des Forums Intralogistik beim Verband Deutsche Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA) in Frankfurt. Er kennt die Branche gut, hat selbst viele kleine und große Krisen mitgemacht. Doch so ein Jahr wie 2009 hat er noch nie erlebt. Einen Umsatzrückgang von 30 Prozent vermeldete sein eigenes Unternehmen, die Viastore Systems GmbH. 68,4 Mio. Euro standen am Ende in den Büchern. Auch für 2010 sieht es nicht viel besser aus. „Der Umsatz wird nicht steigen“, rechnet der Schwabe.
 
Viele kleine Intralogistikanbieter versuchen sich deshalb als Generalunternehmer, denn diese Aufträge versprechen Cash. Vielen sind die Gefahren jedoch oft unbekannt. „Ich beobachte den Trend, dass viele kleinere erfolgreiche und anerkannte Gewerke-Lieferanten ihr Heil als Generalunternehmer suchen. Doch dieses Engagement birgt Risiken. Den Unternehmen fehlt häufig das Verständnis für die Bedürfnisse der Kunden. Sie unterscheiden nicht zwischen nutzbarer und installierter Leistung. Sie wissen nicht, wie man Verfügbarkeit über die Gesamtanlage ermittelt. Viele neue Sicherheitsvorschriften sind für sie Neuland“, weiß Albrecht Franck zu berichten. Der Ingenieur muss es wissen. Schließlich war er bis zum 31. Januar öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für rechnergesteuerte Förder-, Lager- und Verteilsysteme. Einen unabhängigeren Einblick in die Branche haben wohl nur wenige.

 

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Ab ins Ausland
 
So mancher Anbieter automatisierter Lagertechnik hat seine Geschäftsstrategien im knallharten Wettbewerb der Lage zumindest angepasst. Branchenfokussierung heißt das Motto bei SSI Schäfer, Neunkirchen, ebenso wie bei der Gilgen Logistics AG, Oberwangen (CH). „Mit unserer Konzentration auf die Märkte Krankenhäuser, Post, Food und Consumer Goods sowie Bibliotheken konnten wir dem harten Konkurrenzkampf im Industriebereich etwas ausweichen“, erzählt Gilgen-CEO René Holzer.
Und wie agieren die Großen sonst noch, wenn immer mehr am Auftragskuchen knabbern? Sie konzentrieren sich auf das Auslandsgeschäft. Der deutsche Markt ist nach Expertenmeinungen gesättigt. „Den Ausbau der Internationalisierung erachten wir als besonders wichtig“, sagt etwa Klaus Tersteegen, Geschäftsführer bei SSI Schäfer.
Steht ein Strategiewechsel an? Nein, denn viele Intralogistikanbieter sind bereits grenzüberschreitend aktiv.

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Das Parksteiner Unternehmen Witron spürt bis dato noch keine Auswirkungen am spanischen Markt, obwohl die Iberische Halbinsel besonders von der Krise gebeutelt wird. Die Oberpfälzer sind trotzdem zuversichtlich. Ihr Kundenportfolio besteht zum Großteil aus den Bereichen Handel und Dienstleistungen. „Dort ist die Krise noch nicht so stark angekommen“, freut sich Geschäftsführer Helmut ­Prie­schenk.
Deshalb waren Kündigungen und Kurzarbeit auch kein Thema in Parkstein. Anders als bei Viastore. Das Unternehmen nutzte die Kurzarbeiterregelungen aus. Entlassungen sollen vermieden werden. Entscheidend für die nächsten Jahre sind innovative Produkte und Dienstleistungen, die nur mit gut ausgebildeten Mitarbeitern entwickelt werden können. Diese zu halten, ist das Ziel. Mit Qualität und technischen Innovationen wollen die Anbieter überzeugen und Aufträge an Land ziehen. Nicht heute, aber morgen, denn am Markt herrscht gegenwärtig ein harter Preiskampf. „Kleinere Anbieter drängen mit Dumpingpreisen die Wettbewerber aus dem Markt. Die Qualität der Anlage und die Reputation renommierter Hersteller zählen wenig. Der billigste bekommt den Zuschlag“, erklärt der Sachverständige. Doch nicht nur kleine Anbieter verderben die Ausschreibungen. Zurzeit drücke ein norddeutscher Hersteller massiv die Preise, um schnell Umsatz zu generieren. Dagegen komme keiner an, berichtet ein Branchenkenner.
 
Dabei könnte einigen schnell die Luft ausgehen. „Ob es 2010 zu Marktbereinigungen kommt, kann ich nicht einschätzen“, sagt Prieschenk von Witron. Hahn-Woernle, der vor wenigen Jahren Blesco in den USA erwarb, hält sich mit einer Prognose zurück. „Wenn sich eine Übernahme ergibt, würden wir das wiederholen.“ Man sei finanziell gut aufgestellt und wolle nichts ausschließen, heißt es in Stuttgart-Feuerbach.

 

Finanzkräftige Interessenten waren offenbar auch an Filetstücken der Kion Gruppe interessiert (S. 62). Das munkelt man beim Bier an der Hotelbar. Kein Wunder, dass Gerüchte entstehen. Denn die Staplerbauer innerhalb der Intralogistikbranche sind hart getroffen und einige kämpfen ums Überleben. Die Nachfrage nach Flurförderzeugen schrumpfte 2009 um 45 Prozent. Das Gros der Unternehmen nutzte die Kurzarbeit. Ein Teil hält bis heute daran fest. Wo die Kurzarbeit nicht half, trennten sich die Hersteller von Leiharbeitern und befristeten Beschäftigten. Die Still-Gruppe entließ sechs Prozent der weltweiten Stammbelegschaft. Jungheinrich strich 700 Stellen inklusive Leiharbeiter.

 

Software als ­Verkaufsschlager
Im Chor sprechen die Unternehmen von der Bedeutung des Kunden. Man wolle sich wieder verstärkt an den Bedürfnissen dieser konzentrieren, versprechen die Hersteller. Weniger „technisches Schnickschnack“ heißt das bei einigen. Auch neue Einkommensfelder machen die Staplerbauer aus: Softwaretools sollen die Umsätze sprudeln lassen.
Auch für die Sparte automatisierte Lagertechnik scheint das ein Trend zu sein. „Der Faktor Software wird für das Gesamtsystem des Kunden immer bedeutender, weil sie die gesamte Prozesskette betrachtet, alle Teile dieser Kette effizient steuert und auch solche Aspekte wie Energieeffizienz sehr stark beeinflusst – noch stärker als der Maschinenbau“, erklärt Viastore-Chef Hahn-Woernle.
Der Vertrieb von Wissen auf CD wird in der Intralogistikwelt entscheidender. Der Verkauf von Lizenzen sichert schnell Umsätze und minimiert das Risiko bei Projekten. Denn einige Intralogistikanbieter müssen ihren säumigen Kunden lange hinterherlaufen.
Doch auch die Lieferanten arbeiten nicht alle sauber. An den Baustellen der Logistikzentren kommt es immer häufiger zu Ärger. „Ich begleite Fälle, bei denen vor Gericht auch bei kleineren Umfängen auf Teufel komm raus gestritten wird“, berichtet Albrecht Franck.   we/jö/pf
 
Bilder: VDMA

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