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Polen: Bedeutung als Logistikstandort wächst


MARKT

Elf Jahre nach seinem EU-Beitritt hat sich der deutsche Nachbar Polen als Logistikstandort in Europa etabliert. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.
Blick in die Statistik: In dem von der Weltbank vorgelegten Logistics Performance Index (LPI) 2016 wurde Polen auf Platz 33 unter den 160 untersuchten Ländern eingereiht. Und in der von der Nürnberger Fraunhofer- Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS veröffentlichten Studie „TOP 100 in der Logistik 2015/2016“ belegt Polen mit einem Umsatz von 53,4 Milliarden Euro im Wirtschaftsbereich Logistik den siebten Rang hinter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien und den Niederlanden. Somit überholt der östliche Nachbar Deutschlands so moderne Länder wie Belgien, Norwegen und Schweden und platziert sich als einziges osteuropäisches Land unter den zehn logistikstärksten Volkswirtschaften.

Neue VW-Werke
Die Industrie, besonders die Autobauer, ist die Branche, die das Wachstumspotenzial des Marktes recht früh erkannt hat. Zu den Schrittmachern zählt beispielsweise Volkswagen Nutzfahrzeuge. Im Werk Poznan wird seit 2003 der „Caddy“ produziert. Ein spektakuläres Ereignis 2016 war das im Oktober dieses Jahres eröffnete „Crafter“-Werk. Es gilt als eines der modernsten Automotive-Werke in Europa. Und es war bis dato die größte ausländische Investition in Polen.
Der neue Standort bei Wrzesnia ist nur 60 Kilometer von Poznan entfernt. Nach 23 Monaten Bauzeit wurde auf dem 220 Hektar großen Gelände eine Produktionsstätte mit 3.000 Arbeitsplätzen in Betrieb genommen. Der Gesamtwert der Investition: 800 Millionen Euro. Auch andere Automobilbauer wollen den Standortvorteil Polens nutzen. So hat sich etwa Daimler entschieden, rund 500 Millionen Euro in ein neues Motorenwerk im südpolnischen Jawor, etwa 70 Kilometer von Breslau entfernt, zu investieren. Der Plan: Hier sollen Dieselmotoren für alle Mercedes-Modelle, von der A- bis zur S-Klasse, vom Band gehen. Und im Oktober wurden Verhandlungen mit Toyota erfolgreich abgeschlossen. Ergebnis: Ende 2018 soll ein modernes Werk, in dem Getriebe für Hybridantriebe gefertigt werden, fertiggestellt sein.
Den Studien des Instituts für Logistik und Lagerwirtschaft (ILiM) zufolge, das den Markt für Logistikimmobilien seit mehreren Jahren analysiert, betrug 2015 der Zuwachs an kommerziellen Lagerflächen rund 808.000 Quadratmeter. Eine durchaus imposante Entwicklung, verglichen mit den 467.000 Quadratmetern im Jahr 2010. Das Gros der Umsätze im Zeitraum 2014 bis 2015 wurden von Logistikdienstleistern (43 Prozent), Distribution/Handel (38 Prozent) und Produktion (zehn Prozent) generiert. Die Basismietpreise lagen zwischen 2,1 und 5,5 Euro pro Quadratmeter. Den größten Zuwachs an Lagerflächen wurde in Großpolen (Wielkopolska) registriert.
Der Trend 2016: Immer mehr der umsatzstärksten Internethändler bauen ihre Präsenz aus. Im September hat Zalando in Gryfino mit dem Bau eines neuen Logistikzentrums mit 130.000 Quadratmetern Fläche begonnen. Auch dem Onlineriesen Amazon sind die drei bereits bestehenden Logistikimmobilien bei Poznan und Wroclaw (siehe LOGISTIK HEUTE 09/2014) nicht genug. Im Oktober dieses Jahres haben die Amerikaner den Bau eines 67.000 Quadratmeter großen Logistikzentrums, dieses Mal nahe Stettin, angekündigt. Den Meldungen zufolge soll die neue Immobilie mit der Technologie von Amazon Robotics ausgestattet werden. Grundlage hierfür war der Kauf des Intralogistikanbieters Kiva Systems 2012.
Die Investitionsfreudigkeit ausländischer Onlinehändler verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass der polnische E-Commerce-Wirtschaftsbereich deutlich zulegt. Nach Einschätzungen der Onlineplattform Gemius ist dieses Segment 27 Milliarden Euro wert und soll 2016 um rund neun Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr steigen. Ein Rekordergebnis, das eine Weiterentwicklung der KEP-Dienste garantiert, wenn man berücksichtigt, dass 2015 mehr als 300 Millionen Sendungen transportiert wurden, was einem Zuwachs von elf Prozent entspricht.

Drittgrößter Bahnhof Europas
Spektakuläre Investitionen sind besonders im Bereich der Bahninfrastruktur angesagt. Der kurz vor der Eröffnung stehende neue Hauptbahnhof Lodz Fabryczna wird, nach Berlin und Leipzig, der drittgrößte Bahnhof in Europa sein. Den Bahndienstleistern und ihren Kunden stehen landesweit 36 KV-Terminals zur Verfügung. In der von der Deutschen GVZ-Gesellschaft (DGG) Ende 2015 erarbeiteten Studie wird zum ersten Mal ein polnisches Güterverkehrszentrum unter die 20 besten GVZ gelistet. Der Newcomer heißt CLIP Logistics. Er schneidet in dem Ranking besser ab als gut etablierte Standorte wie das GVZ Berlin West Wustermark oder das Cargo Center Graz.
CLIP Logistics in Swarzedz bei Poznan versteht es, die Vorteile der intermodalen Verkehre und die EU-Fördermittel zu nutzen. Seit 2012 betreibt das Privatunternehmen zusammen mit den ERS Railways einen regelmäßigen intermodalen Service zwischen Rotterdam und Swarzedz. Im September 2015 wurde auf der zehn Hektar großen Fläche ein neues Terminal mit der Kapazität von 4.500 TEU eröffnet. Im Mai 2016 wurden Bauarbeiten für eine neue Lagerhalle mit einer Fläche von 38.000 Quadratmetern begonnen.
Nicht nur europäische Länder stehen im Fokus polnischer Transportunternehmen. Auch die „neue Seidenstraße“ in Richtung China gewinnt immer mehr Anhänger. Wegbereiter dieser langen Route ist die Lodzer Firma Hatrans Logistics. Das Unternehmen hat vor drei Jahren eine reguläre Containerzugverbindung zwischen Lodz und dem chinesischen Chengdu in Betrieb genommen. Seitdem ist wöchentlich ein mit 41 Containern beladener Zug 14 Tage ins Reich der Mitte unterwegs. Das Projekt ist kein Einzelfall. Die Reise geht noch weiter, und zwar nach Xiamen. Im September 2015 wurde diese China-Verbindung eröffnet.
Polen ist als Logistikstandort nicht nur aufgrund niedrigerer Lohnkosten als in Deutschland attraktiv. Wettbewerbsvorteile bringen auch gut ausgebildete Fachkräfte mit sich. Die Logistikausbildung bieten insgesamt 112 Hochschulen an. Allein an der seit 15 Jahren bestehenden Logistikakademie (WSL) in Poznan studieren 2.000 Logistikanwärter. Rund 600 Berufsschulen bilden praxisnah Logistiker und Spediteure aus.

Zweistelliger Handelszuwachs
Thema Export: Mehr als ein Viertel des polnischen Exports nimmt der westliche Nachbar ab. Polen ist einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands und platziert sich unter den Top-Ten-Exportländern. Der deutsch-polnische Handel hat 2015 ein Rekordergebnis verzeichnet, einen Zuwachs von rund elf Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Dank Logistik und Produktion gibt es immer mehr positive Anzeichen einer guten Zusammenarbeit. Eines davon ist die im September dieses Jahres während der Messe InnoTrans in Berlin angekündigte Kooperation zwischen dem polnischen Solaris Bus & Coach und dem deutschen Unternehmen Stadler. Beide Firmen wollen für den Straßenbahnbereich ein Konsortium gründen. Vermutlich wird 2017 auch auf der Hannover Messe (24. bis 28. April) zwischen deutschen und polnischen Unternehmen ein reger Austausch stattfinden: Polen ist im kommenden Jahr offizielles Partnerland der Messe in der Niedersachsenmetropole.

Autor: Tomasz Janiak, Leiter Verlagsabteilung, Redaktion Zeitschrift „Logistyka“, Institut für Logistik und Lagerwirtschaft, Poznan (Polen).



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