„Wir liefern uns mit dem Wachstum eine Aufholjagd“
Strategie Das völlig neue Geschäftsmodell von vente-privee.com hat großen Erfolg. Für den Logistikdirektor Sébastien Hospital heißt die neue Vertriebsschiene, möglichst erfinderisch und flexibel zu sein.

Logistik Heute: Keinerlei Bestände halten – ist das für einen Logistiker, der täglich bis zu 100.000 Bestellungen abwickelt, nicht etwas ungewöhnlich?
Sébastien Hospital (lacht): Und dabei besitzen wir allein in Frankreich sogar 125.000 m² Lagerfläche … Tatsächlich ist das sogar ein ganz wesentlicher Teil unseres Geschäftsmodells, das deshalb so erfolgreich funktioniert, weil alles ständig im Fluss ist.
Die Logistik ist also die Basis des Geschäftsmodells?
Sie ist ein wichtiges Element unseres Konzepts, binnen weniger Tage die gesamte Überproduktion eines Designers oder Markenherstellers in unserem Online-Club abzuverkaufen.
Als Jacques-Antoine Granjon die Firma vente-privee.com 2001 gründete, war das sogar für den erfindungsreichen E-Commerce eine kleine Revolution. Für die Supply Chain ist dieses spezielle Business-Modell, mit dem eine neue Vertriebsschiene geschaffen wurde, eine große Herausforderung – zumal wir es jeden Tag aufs Neue mit den unterschiedlichsten Produkten zu tun haben: Textilien, Kosmetik, Haushaltswaren, Elektroartikel, Schmuck, Papeterie – selbst amerikanische Kühlschränke im XXL-Format. Und wenn unsere Einkäufer eine Charge Trekking-Fahrräder oder Delikatess-Pasta ergattern, müssen wir das ebenfalls adhoc handeln.
Was ist an der Idee so neu, dass gängige Prozesse nicht greifen?
Wir vermarkten jedes Label in einer einzigen, aufwendig inszenierten Verkaufsaktion und übernehmen die Produkte als Kommissionsware dann nur für einige, wenige Tage. Wir erhalten vom Hersteller exakt die Anzahl der Teile, die unsere Club-Mitglieder bei der Aktion bestellt haben. Nach der Anlieferung durchlaufen sie gleich die Bestellabwicklung. Ohne Einlagerung wird inventarisiert und im selben Durchlauf die Kommissionierung initiiert. Die Kosten müssen sehr niedrig bleiben und wir in der Logistik sehr, sehr schnell sein.
Es gibt also kaum Schnittstellen?
Grob skizziert wird das Paket gleich im Wareneingang auf die Förderstrecke gesetzt, auf dem Weg an verschiedenen Kommissionierlinien gefüllt und am Ende für die Post oder für DHL Spanien, Italien und Großbritannien vorsortiert auf die Rampe verladen. Nur, dass unsere einzelnen Lager einen unterschiedlichen Automatisierungsgrad haben. Der Prozess an sich ist überall gleich. Am Ende bleibt nicht ein Teil bei uns zurück. Der Restbestand (A Retouren) und zwischenzeitlich annullierte Bestellungen werden an die Marke zurückversandt.
Und das funktioniert?
Die Prozesse laufen stabil und sind fast unendlich skalierbar. Eine meiner ersten Amtshandlungen 2007 waren neben dem Aufbau eines mittleren Managements für jedes Lager auch die Einführung einheitlicher Standards sowie die Implementierung eines eigenen Warenwirtschaftssystems.
Inzwischen bewältigen wir auf diese Weise mit über 1.800 Verkaufsaktionen in 2009 ein enormes Volumen. Was jedoch vorkommen kann, ist, dass einer der Hersteller uns nicht die korrekte Bestellmenge liefert.
Ungenauigkeiten allerdings bereiten bei unserem Geschäftsmodell Schwierigkeiten. Unsere Mitglieder haben sofort bezahlt, Sicherheitsbestände gibt es nicht. Und der Clubcharakter lebt von Exklusivität ebenso wie von der Lieferqualität.
Wie lösen Sie dieses Lieferproblem?
Als Service für unsere Lieferanten haben wir die sogenannte Vorwarenannahme konzipiert. In diesem Fall schickt uns der Markenhersteller vorab seinen gesamten Restbestand der Kollektion und wir übernehmen die Inventur. So wissen wir vorab sicher, welche Teile in welchen Mengen verfügbar sind. Das hilft vor allem bei Herstellern, bei denen es sonst Mengendifferenzen gibt, weil manche ihre Bestände nicht exakt kennen.
Außerdem reduzieren wir die Zahl der Liefertage nach der Verkaufsaktion, die für unsere Mitglieder Wartezeit darstellen. Bei 15% der verschickten Produkte wurde der Service der Warenvorannahme genutzt, auch deshalb, weil manche Marken selbst keine Lagerkapazitäten haben.
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