Schweigen sagt viel
Kommunikation Erfolgreiche Firmen etablieren in aller Welt ausgefeilte Distributionsnetzwerke. Meist konzentrieren sie sich auf die Technik, vernachlässigen dabei jedoch kulturelle Besonderheiten der beteiligten Partner.
Unterschiedliche Vorstellungen von Pünktlichkeit in Asien und Europa.
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Ob Stuttgart, Straßburg oder Schanghai: Als Folge der Globalisierung verlagern Konzerne und große Mittelständler jede Stufe der Wertschöpfung an den Ort, der die jeweils beste Kombination von Ressourcenverfügbarkeit, Absatzmöglichkeiten und Preis-Leistungs-Relationen verspricht. Die Risiken einer internationalen und interkulturellen Supply Chain können allerdings bei allzu optimistischer Planung vielfältig sein. Kulturelle Barrieren zwischen den beteiligten Akteuren erschweren diese Rahmenbedingungen zusätzlich. Die Rolle von kulturellen Einflüssen auf internationale Supply Chains und der damit im Hintergrund verbundenen Prozessabläufe wird bis heute immer wieder unterschätzt.
Häufig wird auf interkulturelle Fragen immer noch mit Ratlosigkeit, dem Versuch, diese intuitiv zu überbrücken, bis hin zur Verdrängung reagiert. Dass kulturelle Unterschiede jedoch konkreten Einfluss auf die Geschäftstätigkeit haben können, wird inzwischen durch eine Vielzahl von empirischen Studien belegt. Viele Firmen machen sich inzwischen sogar interkulturelle Kompetenzen bei den Mitarbeitern gezielt zunutze. So ist das zentrale Ziel eines sich zunehmend etablierenden „Diversity Managements“ der Unternehmen, „Cultural Diversity“ als Potenzial zur Erschließung neuer Märkte einzusetzen.
Es gibt aber Grenzen: Die Erfahrungen machen deutlich, dass Cultural Diversity nicht als „Selbstläufer“ Chancen eröffnet, sondern gestaltungsbedürftig ist, um kulturelle Hürden zu überwinden. So können Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation darüber hinaus zu Verzögerung oder sogar zum Scheitern von Projekten führen. Interessanterweise lehrt die Praxis, dass interkulturelle Zusammenarbeit keineswegs zu Beginn, sondern meist erst in fortgeschrittenen Phasen, also nach mehreren Monaten, gefährdet ist.
Logistik verbindet Kulturen. Gleichzeitig unterliegt Logistik selbst kulturellen Einflüssen und ist ergo per se kulturbezogen. In internationalen Prozessabläufen gibt ohne Zweifel das kulturbedingte Zeitverständnis den Takt an. Den Prozessen heutiger Logistikkonzepte wie Just-in-Time liegen fixierte Termine zugrunde. Gerade in den westlichen Ländern gilt es zur Gewährleistung der heute in der Regel fix getakteten Prozessketten, fest geplante Zeitfenster unbedingt einzuhalten.
Anderes Zeitverständnis
Das gilt aber nicht überall: Eher zur vagen Orientierung dient Zeit in arabischen oder auch asiatischen Ländern, die durch ein eher unbestimmtes Zeitverständnis geprägt sind. In Gebieten mit einem solchen Zeitverständnis empfiehlt es sich daher, bereits während der Prozessplanung entsprechende zeitliche, personelle oder physische Puffer einzuplanen.
In direktem Bezug hierzu steht der für logistische Prozesse unerlässliche Aspekt der Dringlichkeit. Obwohl man annehmen könnte, die Zeiteinteilung sei ein für alle Menschen universelles Anliegen, differiert im Speziellen die Zeitwahrnehmung je nach kultureller Region. Die Normen, die den Umgang mit Zeit steuern, sind untrennbar mit kulturellen Werten verbunden. Der Kulturwissenschaftler Edward T. Hall differenziert in monochrones und polychrones Zeitverständnis.
Demnach bevorzugen Menschen aus Kulturen mit einem monochronen Zeitverständnis wie etwa Deutschland einen festgelegten Ablaufplan und erledigen in der Regel eine Aufgabe nach der anderen. Menschen aus Kulturen mit einem eher polychronen Zeitverständnis – wie beispielsweise China oder die Türkei – neigen dazu, mehrere Projekte gleichzeitig zu bearbeiten und soziale Beziehungen vor die Einhaltung zeitlicher Abfolgen zu stellen.
Was sind die Folgen? Für die Logistik westlicher Industrien bedeutet dies, dass im Zusammenspiel mit Unternehmen aus Ländern wie etwa der Türkei eine höhere Flexibilität an den Tag gelegt werden muss. Häufig wird nach westlicher Auffassung mit unverbindlichen Lieferzusagen oder schwammigen Prozessen gearbeitet, sodass Lieferströme für Supply Chains sorgfältig zu planen sind. Die Studie „Global Logistics 2015+“ der TU Berlin zeigt, dass zunehmend Enabler gesucht werden, die lokale Unternehmen an die westlichen Ansprüche heranführen. Insbesondere Logistikdienstleister werden genannt, die diese Aufgaben wegen ihrer existenten internationalen und kulturellen Gegebenheiten erfüllen können.
Die Wahrnehmung dieser Funktion erfordert allerdings nicht nur die Berücksichtigung der oben genannten kulturellen Aspekte, sondern auch eine Sensibilisierung für sprachliche Wahrnehmungsschwierigkeiten in der interkulturellen Kommunikation. Folgt man der soziolinguistischen Theorie, so liegen Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation oft in der Verwendung unterschiedlicher Kommunikations-Codes.
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