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BMÖ-Expertendialog: Von Einkauf 4.0 und neuer Arbeitswelt

Neue Technologie allein führt nicht zum Produktivitätssprung.


In welche veränderten Rollen müssen Mitarbeiter und Führungskräfte im Einkauf 4.0 hineinwachsen und wie wird der Einkauf in Zukunft agieren? Darüber tauschten sich rund 70 Teilnehmer des DACH-Raums aus Unternehmen, Dienstleistung und Wissenschaft am 15. Mai in Wien aus. Der Expertendialog des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ) über Prozesse, Aufgaben, Anforderungen, Qualifikation und neue Arbeitswelt machte laut dem Verband deutlich: Schlagworte rund um Digitalisierung und den „Faktor 4.0“ prägen die öffentliche Diskussion, sind aber allenfalls vage definiert. Was fehlt, sei ein einheitliches Verständnis.

Schnittstelle Einkauf

„Entscheidende Erfolgsfaktoren sind neben den nötigen Standardisierungen vor allem Flexibilität, Agilität, Lieferanten- und Mitarbeiterbereitschaft“, sagte Prof. Dr. Holger Schiele von der Universität Twente (Niederlande). Isabella Meran-Waldstein, Bereichsleiterin Forschung, Technologie & Innovation der Industriellenvereinigung (Wien), verwies auf die bedeutsame Schnittstellenfunktion des Einkaufs. Sie forderte zudem eine Stärkung der MINT-Ausbildung (Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) in Österreich.

Kein reines Software-Thema

Einig waren sich die Teilnehmer dem BMÖ zufolge darin, dass ein Agieren inmitten einer cyber-physikalischen Umgebung nicht als reines Software-Thema abgetan werden könne. Kommunikationswege, Bestandsmanagement, Vertragspolitik, Big Data, Datenverfügbarkeit, Risikobewertung und Sicherheitsfragen aller Art gelte es beherrschbar zu machen – Anforderungen, die veränderte Profile von Einkäufern, Logistikern und Supply Chain Managern nötig machten. „Das bloße Ersetzen bisheriger Prozesse durch neue Technologie führt nicht zum gewünschten Produktivitätssprung“, mahnte Heinz Pechek, geschäftsführender BMÖ-Vorstand. Wenn zukünftig Geräte selbstständig ihren Nachschub organisieren und dabei auf ein verbundenes Lieferantennetz zurückgreifen, wenn Teilbereiche von Verhandlungen durch Avatare algorithmusbasiert ablaufen, dann sei es die Aufgabe des „Einkaufs neuen Typs“, sich vornehmlich strategischen und hoch wertschöpfenden Tätigkeiten zu widmen.

Reinald Schneller (Netfira), Christoph von Lattorff (Mercateo) und Gregor van Ackeren (VDMG) verwiesen nach BMÖ-Angaben auf die große Bedeutung passgenauer elektronischer Beschaffungssysteme beziehungsweise einzelner Tools, die den Einkauf in die Lage versetzen, Produktivitätssteigerungen gegenüber der Geschäftsleitung transparent und beweisbar zu machen.

„Killerinstinkt“ gefragt

Prof. Dr. Jivka Ovtcharova vom Institut für Informationsmanagement im Ingenieurwesen (Karlsruher Institut für Technologie) spannte den Bogen von der physisch-analogen Welt über die logisch-digitale bis zur mentalen Welt. Der Wegfall des analogen Ortsprinzips stehe dem neuen Prinzip einer Universalität durch digitale Codierung gegenüber. Das beeinflusse individuelle Wahrnehmungen und emotionale Bindungen erheblich. Ovtcharova: „Die große Mehrheit der Unternehmen steht noch am Anfang. Problem ist derzeit, dass es kein einheitliches Verständnis von Voraussetzungen, Inhalten, Implementierung und von einer Zeitleiste der Vision gibt.“ Digitalisierung, Bildung und Training seien Aufgabe aller Beteiligten. Und um zu bestehen, sei „Killerinstinkt“ gefragt. Das bedeutet laut Ovtcharova konkret: „Jetzt einsteigen, ausprobieren, wagen und lernen – vor allem im Verbund mit anderen Unternehmen.“

Wissen teilen und Lean Management

Peter Diederich (WIFO Consult) und Bettina Bohlmann (3p procurement Branding) betonten den menschlichen Aspekt im Kontext „4.0“, so der BMÖ. Komplexität und Mehrdeutigkeit von Informationen erforderten von allen Beteiligten – neben großer Veränderungsbereitschaft – die Fähigkeit, Wissen zu teilen und Erfahrungen „ent-lernen“, sagte Bohlmann. Diederich forderte dazu auf, sich auch wieder an „scheinbar vergessenen“ Lean-Management-Konzepten auszurichten: Lean bedeute das ständige ganzheitliche Verändern von Methoden, Prozessen, Personal, Führung, Arbeitsbedingungen, Produktportfolio und vor allem Kultur. Mangelnde Information und Kommunikation behindern seiner Auffassung nach allzu oft Erfolge. „Bevor Unternehmen nicht Ursachen für Blindleistung, Doppelarbeit und Verschwendung eliminiert sowie Schnittstellen reduziert haben, werden sie auch im Umfeld ‚4.0‘ nicht vorankommen“, unterstrich Diederich.


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